Humanitäre Hilfe für Bulgarien?
Im vergangenen Jahr 2025 wurde im Sammellager in Bötersen bereits ein LKW mit Hilfsgütern für Bulgarien beladen. Das war ungewöhnlich, denn normalerweise findet zuerst eine Besuchsreise dorthin statt, wohin die Hilfsgüter gebracht werden sollen. In diesem Fall war das Lager übervoll und die Spenden mussten einen Abnehmer finden. Aus Bulgarien, um es genau zu sagen von Stefan Kossev, kam die Bitte um Hilfsgüter daher zur rechten Zeit.
Zeitgleich luden Anelia und Stefan Kossev den Vorstand zu einer Besichtigungstour nach Gabrovo ein. Dort befindet sich das Lager für Hilfsgüter, die von dort verteilt werden.

Das Ehepaar Kossev starteten vor 20 Jahren mit der humanitären Hilfe in Bulgarien und ihre Arbeit ist stetig gewachsen. Aus ihrer christlichen Motivation heraus haben sie im Laufe der Jahre über 40 Secondhandläden rund um Gabrovo bis nach Sofia eröffnet und geben so über 80 Frauen Arbeit und damit Lohn. Ihre große Bitte war, dass auch wir sie mit Hilfsgütern unterstützen.
Vom 11. – 14.06.2026 bereisten Almuth Müller, Schriftführerin des Vereins und Projektleiterin der Sammelstelle in Arpke und Tanja Dyakova /Bötersen, in der Funktion als Dolmetscherin, Bulgarien. Grund der Reise war also, das Ehepaar Kossev und ihre Arbeit kennen zu lernen, ihr Lager mit den Hilfsgütern zu besichtigen und gegebenenfalls nach möglichen Wegen der Zusammenarbeit zu suchen.
Tanja D. Und ich trafen uns am 11.06.26 um 6 Uhr am Flughafen Hamburg. Der Flug nach Varna am Schwarzen Meer dauert nur knapp 2 Stunden und um 10.45 Uhr (eine Stunde Zeitverschiebung) sitzen wir schon im Bus Richtung Innenstadt. Nach einem landestypischen Mittagessen im Lokal geht es um 12.30 Uhr im Leihwagen Richtung Sofia. Zunächst gibt es noch eine Autobahn, doch die endet recht bald. Nach 3,5 Stunden erreichen wir das Hotel in Gabrovo. Stefan wartet dort schon auf uns, denn es gibt viel zu erzählen, zu klären, zu fragen und sich kennen zu lernen, bevor es morgen zur Besichtigung seines Hilfsgüterlagers geht.

„Was ist meine Motivation? Wo, wem und wie hat der Verein Humanitäre Hilfe Osteuropa e.V. bisher und besonders in den letzten Jahren geholfen? Welche Hilfsgüter bekommen wir?“ Solche und weitere Fragen werden an mich gestellt und ich wiederum möchte wissen „was ist seine Motivation? Warum hat er diese Arbeit begonnen? Wie und wem hilft er mit den Spenden und wovon lebt er und seine Frau? Manches können wir in Engisch besprechen, aber ich bin froh, dass Tanja dolmetscht. Meine Engischkenntnisse sind für tiefer gehende Gespräche nicht geeignet. Ehepaar Kossev tourte ca. 20 Jahre lang als Musikerpaar mit einer Band durch Europa. In Bulgarien sahen sie die Not der Menschen und hatten eine Idee, wie Abhilfe geschaffen werden könnte. Sie ließen sich dort nieder und eröffneten secondhand Läden. Die Waren bekamen sie zunächst aus ihrem Heimatland Norwegen, später auch aus der Schweiz und Österreich. Die Arbeit wuchs und wuchs. Inzwischen gibt es über 40 Läden und über 80 Frauen haben dadurch Arbeit gefunden. Diese Frauen können jetzt selbst für sich sorgen, sie verdienen genug, um ihr Leben zu bestreiten.


Ich bin beeindruckt, was Gott aus einem kleinen, unscheinbaren Anfang, der Hilfe eines einzigen Ehepaares, hat wachsen lassen. Stefan selbst staunt darüber, dass seine Arbeit so gesegnet ist. Inzwischen ist es spät geworden. Ich bin total müde, denn auch die vorige Nacht brachte keinen Schlaf vor Aufregung. Und jetzt ein fremdes Land, die fremde Sprache, das ungewohnte Essen, so viele Informationen und Eindrücke. Aber ich bin hier, um möglich viel zu erfahren, damit ich später dem Vorstand berichten kann und wir eine fundierte Entscheidung treffen, ob und wie mögliche Hilfstransporte nach Bulgarien stattfinden könnten. Und tatsächlich liegen Tanja und ich noch vor Mitternacht in der Waagerechten.
12.06.26 Es ist 4 Uhr, als ich auf den Wecker schaue, also muss ich geschlafen haben. Ab 6 Uhr gibt es Frühstück, da bleibt mir genügend Zeit, um Notizen von gestern zu machen. Stefan holt uns ab und bringt uns zunächst zu seinem Lager. Es befindet sich in einem in Sowjetzeiten erbauten mehrstöckigem Bau (im rot umrandeten Feld erkennbar). Hier werden die LKWs entladen. Die entladenen Kartons mit Kleidung, Hausrat, Spielzeug usw. lagern im 1. Stock. Möbel, Betten, Stühle, Matratzen, Regale, Schränke usw. werden gesondert im unteren Geschoß abgestellt. Beim Rundgang sehen wir drei Frauen, die Kleidung bügeln. Stefan erklärt, dass sämtliche Kleidung, Tisch- und Bettwäsche hier gebügelt wird. In der nächsten Abteilung arbeitet Anelia, Stefans Frau, und zwei Mitarbeiterinnen. Sie sortieren die Kleidung nach Qualität. Sehr gute Ware versehen sie mit einem Preis, mittelgute Ware wird im Karton verstaut und später gewogen, bevor es in die Läden gebracht wird. Die Hälfte der Kleidung wird verschenkt. „Qualitätsware kommt eher in die Stadtgeschäfte. Dort haben die Menschen in der Regel auch etwas mehr Geld“, sagt Stefan. Wie oft und wieviel Hilfsgüter jeweils zu den Laden gebracht werden, variiert und hängt auch von der Entfernung ab. Der weiteste Weg zu einem seiner Läden beträgt 130 Kilometer. „Wir müssen zu den Menschen kommen“, erklärt Stefan, „denn sie haben oft keine Chance, zu uns zu kommen. Sie besitzen kein Auto und öffentliche Verkehrsmittel gibt es nicht viele. Alte Menschen haben oft gar keine Chance, in die Stadt zum Einkaufen zu fahren, wenn ihre Kinder oder Nachbarn sie nicht dorthin mitnehmen.



Die Zeit rennt und ab 14 Uhr hat Stefan wichtige Termine wahrzunehmen. Ich dränge darauf, noch einen Blick in einen seiner Secondhandläden zu machen. Zwei dieser Läden liegen in der Innenstadt und sind schnell zu erreichen. Im 1. Laden ist das volle Sortiment zu sehen: Kleidung, ordentlich auf gleichen Bügeln sortiert nach Größen aufgehängt. Hausrat, in langen Regalen übersichtlich angeordnet. Spielzeug fürs Baby über Bücher, Brettspiele, Sport- und Spielartikel bis hin zu elektronischem Spielzeug. Kleinmöbel, Spiegel, Bilder, Stühle, aber auch Schränke, Kühlschrank und Klavier. Selbst Dekoartikel, Schmuck, Kinderwagen, Wolle und vieles mehr wird angeboten. Hier kann man alles bekommen, scheint mir. Doch die Preise erstaunen mich. Nichts ist wirklich billig und überall sind zwei Preise dran. Natürlich frage ich nach und Stefan gibt willig Auskunft. „Seit dem 1.1.26 wurde in Bulgarien der Euro eingeführt. Bis Ende Juni müssen alle Waren in der alten und der neuen Währung ausgezeichnet sein, aber es gilt der Europreis. Schau einmal gut hin“, fügt er hinzu,“ der neue Europreis ist oft doppelt so hoch, wie der frühere bulgarische Lew. Die Preise sind seit Januar sehr gestiegen. Viele Menschen haben Schwierigkeiten, ihr Leben zu finanzieren. Zwar gibt es auch Kik und Woolworth in Bulgarien, aber die Menschen kaufen lieber hochwertige Kleidung aus zweiter Hand, als die chinesische Billigware“. Seine Aussage scheint zu stimmen, denn der laden ist voller Kunden.
Der 2. Laden, den er mir zeigt, liegt im Außenbezirk der Stadt. Inmitten von Hochhäusern duckt er sich an eine Straßenkreuzung. Ein langgezogener Raum, freundlich, hell gestrichen, sauber und ordentlich bestückt mit Kleidung, Schuhen und etwas Hausrat (Teller, Töpfe, Tassen, Besteck, Gläser, Pfannen) und anderen Utensilien.



Wir fahren zurück zum Lager und ich denke schon, dass keine Zeit mehr für weitere Fragen und Besichtigungen sind. Aber ich täusche mich, denn im Keller, aber zur Straßenseite ist es das Erdgeschoß, werden auch Hilfsgüter zum Verkauf angeboten. Die Auswahl ist sehr groß.
Schon den ganzen Vormittag klingelte Stefans Handy und immer wieder entschuldigte er sich, dass er den Anruf entgegennehmen müsse. Seine Mitarbeiter haben natürlich Fragen. Aus den Läden kommen Wünsche, was er bei der nächsten Lieferung nicht vergessen dürfe mitzubringen. Da gibt es stets viel zu beantworten. Klar, er ist der „Chef“!
Zu guter Letzt zeigt er mir den Gottesdienstraum seiner Gemeinde. Seine Augen strahlen, als er mir das Equipment der Musiker zeigt. Hier singen und spielen sie zu Gottes Ehre. Hier treffen sie sich zum gemeinsamen essen und Gebet. Und wenn am Monatsende alle Mitarbeiter ihren Lohn erhalten haben und alle Ladenmieten bezahlt sind und dann noch Geld übrig bleibt, unterstützt er diakonische und missionarische Projekte seiner Kirchengemeinde.

Am Nachmittag geht es zurück nach Varna. In Weliko Tarnowo machen wir einen Stopp. Es ist eine typische bulgarische, ursprüngliche Stadt mit einer Burg, einem Schloss und vielen alten Handwerksbetrieben. Tanja ist Bulgarin und sie will mir in ihrem Heimatland möglichst viel zeigen. Wir laufen durch die Gassen und sie überhäuft mich mit Informationen: „Bei den Häusern ist jede Etage etwas überhängend ausgebaut, weil den Menschen nur ein sehr kleines Grundstück erlaubt war. Die Grundfläche eines Hauses ist also klein, aber die höheren Stockwerke bieten mehr Platz. So war das früher! Unsere Blicke wandern in die offenen Türen rechts und links der Strasse: in Töpfereien; Seifenherstellung, besonders Rosenseife, ist hier zu Hause; in Goldschmieden und Lederverarbeitung. Zu allem und jedem bekomme ich Informationen. Nicht nur in der Geschichte kennt Tanja sich aus, auch zur Bevölkerung weiß sie viel zu erzählen. Zigeuner, die hier leben und solche, die hier ihren Urlaub verbringen, erkennt sie von weitem und kann sie an der Sprache unterscheiden. Mir raucht der Schädel. Wie gut, dass morgen, Samstag, der 13.06.26 ein Ruhetag ist!
Den nutzen wir, um Varna zu durchlaufen. Wir stehen vor der Mutter Gottes Kathedrale, dem Wahrzeichen der Stadt. Durchlaufen den Meergarten an heißen Schwefelquellen vorbei halten die Füße ins empfindlich kalte Wasser und erreichen irgendwann den Hafen. Dort verspeisen wir in der Abendsonne die mitgebrachten Stullen und unseren selbstgemachten Ayran. Hier kreischen die Möwen mit den Kleinkindern um die Wette. Mich stört schon gar nichts mehr. Ich möchte nach Hause. Diese drei Tage kamen mir vor wie drei Wochen.


Das muss ich erstmal alles verarbeiten.
14.06.26 Um 1.55 Uhr wache ich auf und kann nicht wieder einschlafen. Meine Gedanken arbeiten auf Hochtouren. Ich nutze die Zeit zum Schreiben, sonst bringe ich womöglich später alles durcheinander. Das Taxi steht um 4.15 Uhr pünktlich vor der Tür und der Flieger hebt um 5.30 Uhr pünktlich ab. Ich habe einen Fensterplatz und sehe am Horizont die Sonne aufgehen. Mein Herz ist voller Dankbarkeit über diese Reise und alles Erlebte.
Ihr Lieben zu Hause, ihr Lieben, die ihr mich mit euren Gebeten begleitet habt und ihr Lieben im Vorstand, ich komme und habe viel Gesprächsstoff im Gepäck. Das meiste muss ich erstmal selbst noch verarbeiten und drüber schlafen, aber was ich jetzt schon weiß: die Hilfslieferungen nach Osteuropa befinden sich im Wandel. Und das Wort „Altkleidersammlung“ könnt ihr getrost aus eurem Wortschatz streichen, wenn ihr an die humanitäre Hilfe Osteuropa denkt.
Doch dazu später mehr, wenn klar ist, wohin die Reise geht.
Almuth Müller